Kürzungen im Althochdeutschen

In den althochdeutschen Quellen, welche die frühesten Zeugnisse der deutschen Sprache darstellen, tauchen unvollständig geschriebene Wörter auf, z. B. le für lera, oder d für feld. Was auf den ersten Blick wie eigenartige Abkürzungen aussieht, erweist sich bei näherer Betrachtung als vielgestaltiges und funktional komplexes Phänomen.

Die Kürzungen im Althochdeutschen bilden einen noch wenig erforschten Sonderbereich in der althochdeutschen Schriftlichkeit. Sie tauchen vor allem in Glossen, besonders häufig in Griffelglossen auf und zerfallen in ganz unterschiedliche Ausformungen. Viele Ausprägungen können mit Kürzungsverfahren in Zusammenhang gebracht werden, die aus zeitgenössischen lateinischen Schreibungen bekannt sind, insbesondere bezeichnete Abbreviaturen. Einige davon sind mit unseren heutigen Verfahren vergleichbar. Eine besondere Beachtung verdienen radikale Formen wie die erwähnte unbezeichnete Kürzung eines ganzen Wortes auf einen einzigen Anfangs- oder Schlussbuchstaben.

Das Forschungsprojekt hat eine systematische Gesamtdarstellung des Phänomens zum Ziel, die einerseits die dokumentarische Erfassung sämtlicher Handschriften mit althochdeutschen Belegen, die Merkmale von Kürzung aufweisen, sowie andererseits die schriftsystematische und funktionale Untersuchung und Auswertung der vorkommenden Formen enthält. Im Rahmen des Dissertationsprojektes von lic. phil. Wittberger-Markwardt wird im Speziellen der Bereich der bezeichneten Kürzung am Material von althochdeutschen Sachglossaren untersucht.

Das Projekt beinhaltet die erste Spezialuntersuchung an einem Material, das für bisher ungelöste Fragen der Althochdeutschforschung einen noch ungenutzten Zugang bietet und leistet zudem einen Beitrag zum systematischen und historischen Verständnis der Kurzschreibungen, eines Phänomens, das in der heutigen Gesellschaft dank neuer Medien (Chat / SMS) besonders rege Verwendung und Beachtung findet.

Die Arbeiten sind der Ermittlung des Korpus bzw. der fraglichen Verfahren, der Planung und Erstellung einer Datenbank,  der Edition bislang unedierter Quellen sowie der funktionalen Analyse des erhobenen Materials gewidmet. An einem Glossologie-Workshop an der Waseda-Universität, Tokio im Juli 2013 und an der Internationalen Graphematik-Fachtagung „LautSchriftSprache III“ im September 2013 in Verona wurde das Projekt in Fachkreisen vorgestellt. Im Frühjahr 2016 veranstalteten wir an der Universität Zürich einen internationalen Workshop mit Experten aus verwandten Fachbereichen, in dessen Rahmen die laufenden Arbeiten und Resultate präsentiert und diskutiert wurden.

Das Projekt in der Forschungsdatenbank der Universität Zürich.

Projektdauer: 2013–2018